Seit Tagen überlege ich, wie ich das zuletzt Geschehene in eine möglichst amüsante Geschichte packen kann, aber ich sag euch: Das wird so nichts. Ihr bekommt die schlichte Wahrheit ohne Schnörkel...
Wie ihr wisst, ist es nach einem halben Jahr Partnerschaft und zweieinhalb Jahren Abmühen aus. Das ist auch gut so. Ich hatte keine Lust mehr und war der Sache müde geworden. Mein Folgeplan lautete so: Nachdem ich zwei Tage trinke wie ein Loch, rauche wie ein Schlot und wahllos Lebensmittel in mich stopfe, beginne ich meinen Werdegang zu überdenken und im Übermaß auszugehen, um mir zahlreiche Gläser Cola-Rum und Zigaretten von verwegenen Männern ausgeben zu lassen, um sie dann aber doch süffisant lächelnd abblitzen zu lassen, da ich ihren Plan, mich mit diesen kleinen Aufmerksamkeiten fügsam machen zu wollen, längst durchschaut habe. Schließlich kommt es dann so, dass ich mit meinem lieben Freund O. nach Hamburg düse und ein Homofest besuche, wo ich mir eine niedliche kleine Blonde aufreiße, um meiner heimlichen Leidenschaft - triebhaftem Gerangele nackter Körper in dunklen Discothekenhinterhöfen - nachzugehen. Die kleine Blonde verliebt sich in mich und es kommt zu einer traurigen Szene, in der ich ihr einfühlsam erkläre, dass dieser ganze Beziehungskram nicht mein Ding ist und nicht das ist, was ich suche. Irgendwann wird mir dann in einer stillen Stunde bewusst, dass ich mich selbst belüge und mein kaltes Herz nur so friert, weil etwas fehlt: Die Liebe. Mit dieser Erkenntnis lerne ich zu leben... nein, das ist falsch. Man kann damit nicht leben. Mit dieser Erkenntnis finde ich mich schweren Herzens einfach ab und fühle mich so, wie sich jeder Single fühlt, wenn er an einem kalten Winterabend allein in seiner Wohnung sitzt und nach dem vierten Glas Wein freudlos zu Bett geht.
So wäre das gelaufen, wenn ich nicht...
...wenn ich nicht einfach 30 Sekunden, nachdem ich mit dem Gatten sprach, einen Menschen anrief, mit dem ich in der vorangegangenen Zeit eh schon täglich telefonierte. Ich rief Shini an. Shini lernte ich vergangenen Oktober in einem Onlinespiel kennen und wir gingen augenblicklich miteinander um wie Menschen, die sich bereits ihr Leben lang kennen. Ich rief ihn also einfach an. Ich rief ihn an, er wusste was passiert war und fand unmittelbar die richtigen Worte. Wir sprachen miteinander, wie wir es bereits den ganzen November lang taten, es fühlte sich nur irgendwie leichter an. Es fühlte sich an wie "Endlich habe ich mein Herz für dich komplett frei geräumt und nun komm rein". Er wollte rein. Ich ließ ihn. Und ich lud ihn einfach so über die Weihnachtsfeiertage zu mir ein.
Es ist der 22. Dezember, ich sitze zitternd vor Kälte und Aufregung vor dem Lüneburger Bahnhof, denn sein Zug verspätet sich um eine Stunde. Die Zeit vertreibe ich mir mit Musik, Zigaretten, Erdbeerkaugummis und dem Entwirren meiner Haare. Es ist zwanzig Minuten nach sieben, als ich aufstehe, durch die Bahnhofshalle gehe, durch die Unterführung, die Treppen rauf und zum Ende des Gleises. "Bitte Vorsicht an Gleis 2, der Zug aus Richtung Uelzen fährt ein" und ich spüre mein Herz pulsierend im Hals, während ich nervös mein Kaugummi ausspucke, leise fluche und immer wieder meine feuchten Hände an meinem Mantel abwische. Ich stehe flach atmend und starr am Abgrund, der Zug rollt an und hält. Menschen steigen aus, Trauben bilden sich, lösen sich wieder auf und zurück bleiben wir. Er an einem und ich am anderen Ende des Gleises. Die Welt steht ganz still, sie hat einfach angehalten und wir sind ausgestiegen, um für diesen einen Moment auf einem ganz eigenen Planeten zu stehen. Wir gehen aufeinander zu, ganz langsam, und ich merke, dass ich bereits jetzt schon vor Freude zu weinen beginne, während ich nur denke "Du bist endlich da." Und das ist auch das einzige, was ich sagen kann, während wir uns ewig in den Armen liegen. Wir stehen auf unserem Planeten, halten uns ganz fest und saugen den Duft des anderen in uns auf. "Ich kann es nicht glauben... endlich habe ich dich gefunden, du bist wunderschön. Ich liebe Dich", er nimmt meinen Kopf, vergräbt seine Hände in meinen Haaren und küsst mich. "Ab jetzt schreiben wir unser eigenes Wintermärchen."
Heute ist der 19. Februar, er ist noch immer hier.